Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als Prozess verstehen

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist niemals statisch, sondern seit 300 Jahren ein Ausdruck neuer Erkenntnisse und sich wandelnder Ziele. Heute helfen Zertifizerungsorganisationen, Interessenskonflikte im Wald zu moderieren. Sie versuchen, den jeweils bestmöglichen gemeinsamen Nenner für einen nachhaltigen Umgang mit dem Wald zu finden.

Schriftlich festgehalten wurde der Begriff der Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft vor über 300 Jahren. Hans Carl von Carlowitz stellte 1713 auf der Leipziger Messe seine „Sylvicultura oeconomica“ vor, das erste rein forstliche Fachbuch in deutscher Sprache.

Obwohl die Erkenntnis „kein Ernten ohne Säen“ sich bis in biblische Zeiten zurückverfolgen lässt und erste Ansätze einer nachhaltigen Nutzung regionaler Wälder spätestens seit dem Hochmittelalter angestrebt wurden, kommt dem sächsischen Oberbergmeister ohne Zweifel eine herausragende Bedeutung bei der Bewahrung der Wälder bis heute zu.

Ökologisch, sozial und ökonomisch

Die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit mag im Mainstream der Medien dominieren, aber in der forstlichen Debatte spielen zwei andere eine genauso wichtige Rolle: die soziale und die ökonomische Nachhaltigkeit. Multifunktional sind die Ansprüche an den Wald; das führt in einer pluralistischen Demokratie dazu, dass auf seinem Rücken die Interessen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, von der Holzwirtschaft über die Waldbesitzer und Gewerkschaften bis hin zu den Naturschützern, öffentlich oder zumindest halböffentlich ausgetragen werden. Welche unterschiedlichen Akzentuierungen Nachhaltigkeit heute hat, zeichnet unter anderem die vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV) zusammengetragene Waldstrategie 2020 nach: „Die Wälder stellen die erforderlichen Rohstoffe bereit, bieten vielfältige Lebensräume für Flora und Fauna, erfüllen ihre Schutzfunktionen und laden zur Erholung ein.“

Ist Nachhaltigkeit relativ?

Früher wie heute können sich bestimmte Ansichten über eine nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes innerhalb weniger Jahrzehnte verändern. So hat in unserer Zeit die Anpassung der Wälder an den Klimawandel enorm an Bedeutung gewonnen. Eine ketzerische Frage könnte lauten: Was nützt der Natur und den Menschen das Festhalten an heimischen Baumarten, wenn sie hierzulande nicht länger gedeihen?

Unter den sozialen Indikatoren von forstlicher Nachhaltigkeit gibt es Beispiele, die der Laie vermutlich niemals unter dem Begriff Nachhaltigkeit fassen würde. Beispielsweise beschloss der Deutsche Forst-Zertifizierungsrat (DFZR), das fachliche Entscheidungsgremium von PEFC Deutschland e.V., die Teilnahme an Motorsägenkursen für private Selbstwerber seit 2013 verpflichtend zu machen. Der Grund dafür: Immer mehr Privatleute wollen ihr Holz im Wald selbst schlagen und beantragen dafür Genehmigungen bei der örtlichen Forstverwaltung. Diese sogenannten Selbstwerber sind eine potenzielle Gefahrenquelle für sich selbst und für andere Waldnutzer, wenn sie nicht wissen, wie man beispielsweise eine Kettensäge sachkundig bedient und durch ihr Tun Spaziergänger oder Jogger gefährden. Damit das Unfallrisiko auf ein Minimum reduziert werden kann, müssen sie nun eine Teilnahmebescheinigung in Form einer Urkunde vorzeigen, aus der die Schulungsinhalte des Kurses hervorgehen und die von einer Person unterschrieben ist, welche die von der Gesetzlichen Unfallversicherung definierten Qualifikationsanforderungen (GUV-I 8624) erfüllt. Dirk Teegelbekkers, Geschäftsführer von PEFC Deutschland e.V., erklärt hierzu: „Wie man einerseits den Menschen den Freiraum gibt, um den Wald ihrer Heimat nutzen zu dürfen, und wie man andererseits durch diese Freigiebigkeit verursachte Waldschäden verhindert, das ist eines der vielen Themen, die wir im Zusammenspiel mit allen am Wald interessierten Akteuren kontinuierlich ausloten, diskutieren und entscheiden müssen.“ Das Resultat auch dieses – wohl niemals endenden – Prozesses: mehr Nachhaltigkeit für unsere Wälder.